Freitag, 23. Dezember 2011













Der Weihnachtsstern

Von Osten strahlt ein Stern herein
mit wunderbarem hellem Schein,
es naht, es naht ein himmlisches Licht,
das sich in tausend Strahlen bricht!
Ihr Sternlein auf dem dunklen Blau,
die all ihr schmückt des Himmels Bau
 
zieht euch zurück vor diesem Schein.
Ihr werdet alle winzig kle
in!
Verbergt euch, Sonnenlicht und Mond,
die ihr so stolz am Himmel thront!
Er naht, er naht sich von fern -
von Osten her - der Weihnachtsstern.
 

Franz Graf von Pocci

Freitag, 9. Dezember 2011

Hat hier vielleicht einer nen Radiergummi?

In der Theorie klingt es einleuchtend und simpel: Wir alle sind darauf angewiesen, unsere Wahrnehmungen in Kategorien einzuordnen, damit wir uns in unserer komplexen Welt zurechtfinden. Wir gleichen das, was uns begegnet, mit dem ab, was wir schon kennen. Wir versuchen, Ähnlichkeiten herzustellen und Bekanntes wiederzuerkennen. Wir unterscheiden Bekanntes vom Unbekannten und versuchen, ein Etikett auf das Unbekannte draufzukleben, um es uns vertrauter zu machen. So funktioniert unser gewohntes Denken und selbstverständlich tun wir das nicht nur mit Dingen, sondern auch mit Menschen.
Meistens handelt es sich bei unseren mentalen Etiketten um Stereotype. Ein Stereotyp bringt die wichtigsten Merkmale auf den Punkt. Das geht nur sehr vereinfacht, hat aber dafür einen hohen Wiedererkennungswert. Beispiele für stereotype Vorstellungen sind:

"Frauen sind sensibler als Männer."
"Künstler sind Einzelgänger."
"Afrikaner leben nicht nach der Uhr."
"Franzosen sind Gourmets."

Ein Stereotyp ist für sich genommen erst einmal weder positiv noch negativ beladen, sondern bietet uns eine Vorannahme an, die uns vielleicht hilft, etwas besser zu verstehen.
Doch in den meisten Fällen bleiben wir nicht beim neutralen Stereotyp stehen, sondern bewerten ihn und bilden uns ein Urteil über ihn - positiv oder negativ. Das funktioniert ganz unbewusst und rasend schnell und auch das können wir nicht einfach abstellen.

Gefährlich wird das Ganze dann, wenn wir unsere negativen Vorstellungen auf die einzelnen, echten, lebendigen Menschen übertragen, auf die wir treffen. Dann begegnen wir dem Anderen mit Vorurteilen und kleben ihm ein Etikett auf die Stirn, das er selbst kaum wieder abziehen kann.

Das klingt dann zum Beispiel so:
"Klar heult die sofort wieder los. Da sieht man mal wieder: Frauen sind sensibler als Männer."
"Kann der mich eigentlich nie grüßen? Da sieht man mal wieder: Künstler sind Einzelgänger."
"War ja klar, dass die zu spät kommen. Da sieht man mal wieder: Afrikaner leben nicht nach der Uhr."
"Was macht die so ein Gesicht? Der schmeckts hier wohl nicht. Da sieht man mal wieder: Franzosen sind Gourmets."

Dass wir Dinge und Menschen etikettieren, das können wir nicht vermeiden. Doch wir können entscheiden, ob wir das Etikett mit einem permanent marker beschriften, dessen Schrift nie mehr abgeht, oder ob wir unseren mentalen Bleistift zücken.

Montag, 10. Oktober 2011

Haiku IV

Blätter fallen welk.
Auf Sommer folgt ein Frühling.
Du bist hier.





Mittwoch, 5. Oktober 2011

Freundinnen

Gestern saß ich mit meiner Freundin N. lange draußen in einer letzten Sommernacht. Das Mos Eisley war orange wie immer und im Hintergrund spielten sie die Dresden Dolls.

N. und ich kennen uns schon seit 13 Jahren. Wir sind innerhalb des ersten Jahres Freundinnen geworden und sind es bis heute geblieben.

N. ist klug und schön. Sie hat ein liebevolles Herz. N. kann gut zuhören und hat einen wunderbaren Humor. Sie kann über sich selbst lachen. Sie hat Durchhaltevermögen und sorgt gut für sich. Sie kann sagen, was sie braucht und was sie sich wünscht. Sie ist für mich da, wenn ich sie brauche, ohne sich je aufzudrängen.

Wie glücklich ich bin, eine so gute Freundin zu haben!

Sonntag, 11. September 2011

El hombre conduce y la mujer luce

Der Tango Argentino gehört seit über zehn Jahren zum UNESCO Weltkulturerbe und wird nun überall getanzt, nicht mehr nur in Buenos Aires, wo er eigentlich herkommt. In Stuttgart zum Beispiel hat man von Montag bis Sonntag an jedem Tag der Woche die Gelegenheit, Tango Argentino tanzen zu gehen.

Im Gegensatz zum Standardtango lässt der argentinische den Tänzern weitaus mehr Freiheiten. Nach jedem Schritt entscheidet sich neu, wie der Tanz weitergeht, feststehende Figuren gibt es nicht. In diesem Sinne gibt es auch kein richtig oder falsch. Vielmehr findet das tanzende Paar heraus, wie es sich ohne Worte, ohne Blicke und ohne Ziehen und Zerren verständigen kann. Von außen betrachtet, kann man diese Kommunikation nicht erkennen, sondern man sieht nur: Es klappt! Sie verstehen sich! Oft ist es übrigens sogar einfacher, mit geschlossenen Augen zu tanzen. Bei voller Tanzfläche ist dieses Privilig natürlich den Frauen vorbehalten.

Manch einer findet es lächerlich, dass wir Deutschen so begeistert einer Tradition folgen, die eigentlich in einer uns fremden Kultur beheimatet ist. Aber wen wundert's, dass ein so sinnlicher Tanz, bei dem es keine Regeln gibt außer: "Sprecht ohne Worte miteinander!" Anklang findet?

Auch wenn im Tango Argentino wenig vorgegeben und reglementiert ist, funktioniert er nur, wenn die Rollen klar sind: Einer darf führen, der andere darf folgen. In der Tradition des queer tango werden die klassischen Rollen aufgelöst, doch in der Regel gilt folgender Satz: El hombre conduce y la mucher luce. Übersetzen kann man ihn so: Der Mann führt und die Frau glänzt. Wie schön.

Montag, 1. August 2011

lækker, 美味, délicieux, lezzetli, LECKER!!!

Eine tarte au citron ist eine anspruchsvolle Diva, die für ihren Teig 200 g Mehl, 60 g Zucker, 100 g kalte Butter in kleinen Stückchen, die Schale einer halben Bio-Zitrone, 1 TL gemahlene Vanille und ein Eigelb mit kühlen (!) Händen so lange geknetet haben möchte, bis die Butterstückchen nicht mehr im Teig zu sehen sind. Ausrollen darf man ihn nur zwischen zwei Schichten Klarsichtfolie. Dann lässt sich der Teig aber gnädig in einer gebutterten Tarteform von 30 cm Durchmessern nieder.

Der Boden wird bei 180° (Umluft 160°) 10 Minuten vorgebacken. Damit die Hitze die liebevoll vorbereitete Teigmasse nicht verbrennt, wird die Form mit Backpapier belegt und mit getrockneten Erbsen oder Bohnen beschwert.

Für die Füllung begnügt sich die tarte mit nicht weniger als 4 Eiern und einem weiteren Eigelb. 200 g Zucker gesellen sich dazu und die Füllung ist bereit, sehr schaumig gerührt zu werden. Erst dann dürfen sich die Schale und der Saft von 2 1/2 Biozitronen in das Schaumbett fallen lassen, wo sie sich mit 125 g steif geschlagener Sahne vereinen.

Die Zitronencreme löst das Backpapier und die Erbsen ab und die tarte darf sich jetzt bei 150° (130°) in den Ofen schnuckeln, bis die Creme fest und die Oberfläche schön gebräunt sind.
So manche tarte mag besonders gerne unter einem Schleier Puderzucker versteckt werden, bevor sie sich vor ihr Publikum wagt. Nur die Mutigsten zeigen sich ohne Gewand.






Sonntag, 31. Juli 2011

Haiku III

Oha - ein Haiku-Wettbewerb von BRAVO Girl! und den Fischer Verlagen.

Will man das lesen? Man will!

Haus der Nacht mein Heim.
Der Mond ist mein Begleiter.
Und ich ein Vampyr.

Von Leonie, 13 Jahre.

Quelle: houseofnight.de


Mittwoch, 27. Juli 2011

disclosing secrets

Schaut Euch das an: Ein Kunstprojekt, bei dem Menschen ihre Geheimnisse auf selbst gemachte Postkarten schreiben und anonym an den Künstler schicken. Der wählt die besten Karten aus und veröffentlicht sie auf seiner Seite postsecret.com.



"Dass mein Vater seinen besten Freund verloren hat, hat mich mehr aufgewühlt als der Verlust meiner Mutter."










"Ich glaube wirklich, dass alle meine Probleme gelöst wären, wenn Essen keine Kalorien hätte."









"Ich habe endlich mein Blog gelöscht, damit ich endlich wieder mein Leben weiterleben kann."










"Ich glaube, ich brauche Pillen, um meine Ehe und meine Familie zu retten."









Was wäre mein Geheimnis?
Ich verrate Euch heut eins ganz exklusiv: Einmal beendete ich ein aussichtsloses Telefonat mit: "Hallo? Tut mir leid, ich höre Sie nicht mehr! Hallo? Ich lege jetzt auf!"

Donnerstag, 19. Mai 2011

Fragebogen

Worauf bist Du stolz?
Welchen Teil Deines Körpers würdest Du niemals hergeben wollen?
Was wärst Du "lieber": blind oder taub?
Wenn Du Dir eine Fähigkeit mit einem Fingerschnipsen erwerben könntest: Was wäre es?
Wenn Du in Deinem Leben nur noch einen Duft riechen könntest: Welcher wäre es?
Welches Ereignis Deines bisherigen Lebens würdest Du keinesfalls missen wollen?
Wie viele Stunden Schlaf sind für Dich optimal und warum schläfst Du weniger?
Welche Schlagzeile würdest Du gerne über Dich lesen?

Boccia

Gestern schlenderte ich am Erwin-Schöttle-Platz vorbei und beobachtete die Menschen, die dort Boccia spielten. Zwei Gruppen waren da; eine junge, eine alte.

Die junge war gemischt: Zwei Jungs, zwei Mädchen. Sie waren sich jedes Blickes bewusst, der ihnen vom Rand des Platzes zuflog. Sie inszenierten jeden Wurf, jedes fachmännische Augenmaßnehmen, welche der großen Kugeln sich am nächsten bei der kleinen befand, koordinierten die Eleganz, mit der sie zum nächsten Versuch ausholten. Sie waren sich ganz ihrer selbst bewusst und blickten in ihre mentalen Spiegel, um sich zu vergewissern, genau das Bild abzugeben, das sie sich für sich wünschten.

Die alten Männer der anderen Gruppe dagegen waren sich des Moments bewusst, in dem die Kugeln erst einen Bogen in der Luft beschrieben, um dann nach einem dumpfen Aufprall ihre Bahnen auf der Erde zu ziehen. Die Männer ließen sich selbst, ihren alten Knochen und dem Raum, der sie umgab, Zeit. Sie widmeten jedem Wurf die gebührende Aufmerksamkeit und entschieden genußvoll mit Hilfe eines Zollstocks, welche Kugel ihren Besitzer zum Gewinner machte. Sie zelebrierten nicht sich selbst, Boccia spielend, sondern das Spiel an sich.

Ein Spiel ist ein Spiel ist ein Spiel. Spielen wir es mit, ohne uns selbst dabei zu wichtig zu nehmen.

Montag, 25. April 2011

K.

Tell me, girl, will you save your best smile for me? Will you travel around the world to get that miracle flower which opens every heart? Will you embrace me every time I feel lonely? Will you be deeply honest and tell me what you see when you look into my soul? Will I find you when I take the turn around the corner? Tell me, will you show me the way when I'm lost?

I know you will, you always did.

Mittwoch, 13. April 2011

Haiku II



Die Nacht kommt.
Sie windet sich um dich, still.
Still wirst du, ganz still.

Dienstag, 29. März 2011

1000 Kraniche

Seit heute habe ich eine Digitalkamera in meinem Besitz und kann nun auch die Frage beantworten, die ich mir in meinem letzten Beitrag gestellt habe: Nein, ich wage nicht, meine momentane Mitbewohnerin in ihrem gläsernen Haus zu fotografieren. Die Geschichte muss also ohne Bilddokumentation bleiben.

Doch der Kauf war nicht umsonst - ich habe die Papierkraniche fotografiert, die zur Zeit auf dem Stuttgarter Schloßplatz im Musikpavillon an die Katastrophen in Japan erinnern. Ihr könnt bei meiner Freundin B. nachlesen, wenn ihr mehr über die Tradition der 1000 Kraniche wissen wollt.
















Sonntag, 27. März 2011

Spinne - Aaaahhhhhh!

Spinne - Aaaahhhhhh!
 
Gerade habe ich mich in ein Buch vertieft, liege eingekuschelt und entspannt auf der Couch und freue mich über einen ruhigen, gemütlichen Abend. Da tritt plötzlich eine Spinnensituation ein.

SIE ist schwarz, ihr Körper ist ca. 2,5 cm lang, sie ist dick, haarig, groß und hat viele Beine. Also echtes Spinnenmaterial. Sie krabbelt in allerbester Horrorfilmmanier mitten durchs Wohnzimmer. Ich zucke zusammen und ziehe wie von der Tarantel gestochen (ja, warum funktioniert diese Metapher wohl so gut???) meine Beine ganz auf die Couch. Plötzlich kribbelt es an meinem ganzen Körper, mein Herz beginnt zu rasen, mir ist gleichzeitig heiß und kalt und obwohl mich der Anblick ekelt, lasse ich das Ding nicht aus den Augen - keine Sekunde! Wer weiß, was sie sonst macht, wohin sie sich zurückzieht, wo sie sich versteckt, nur um im geeigneten Zeitpunkt wieder aufzutauchen und mir einen weiteren gehörigen Schrecken einzujagen.

Der amerikanische Seriendetektiv Adrian Monk kann seine zahlreichen Ängste akribisch geordnet aufzählen. In der Folge "Monk und der älteste Mann der Welt" fragt Captain Stottlemeyer Adrian Monk, der gerade in einer panischen Kurzschlussreaktion auf einen Tisch geklettert ist: "Leiden Sie nicht an Höhenangst?" und Monk antwortet:
"Schlange schlägt Höhe. Die Reihenfolge lautet:
Keime
Nadeln
Milch
Tod
Schlangen
Pilze
Höhen."

Wo bleiben da die Spinnen, frage ich? Spinnen stehen bei mir ganz, ganz, ganz oben. Dann kommt nicht mehr allzu viel, aber Spinnen - die bevölkern meine schlimmsten Alpträume.

Was also tun? Ich weiß, dass sich mein Wunsch, die Spinne möge sich unter meinem hypnotisierenden Blick in Luft auflösen, nicht erfüllen wird. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als Heldenmut zu beweisen. Ich schicke also ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie sich in den paar Sekunden nicht rühren möge, die ich benötige, um aus der Küche irgendeinen Behälter zu beschaffen, mit dem ich ihren Bewegungsradius deutlich verringern kann. Ich flitze also los und bin beruhigt, dass sie noch da ist, als ich wieder einen Blick ins Wohnzimmer werfe. Leider immer noch groß und schwarz und beängstigend. Ich nähere mich mit angehaltenem Atem und lasse meine größte durchsichtige Salatschüssel (größtmögliche Kontrolle bei größtmöglicher Distanz) über der Spinne auf dem Boden ab. Operation geglückt - ich kann mich mit eigenen Augen überzeugen, dass sie gefangen ist.
Erst jetzt wird mir klar, dass ich aus dieser Schüssel keinen Salat mehr essen werde.

Was ich nun mit ihr tun werde, weiß ich noch nicht. Zum Glück hab ich sie direkt vor dem Fernseher gefangen. So hat sie wenigstens ein bisschen Ablenkung in ihrem Gefängnis.
Wer weiß - vielleicht gewöhne ich mich ja an sie und das Kribbeln auf der Kopfhaut, wenn ich sie ansehe, hört irgendwann auf?

Ich bedaure die schlechte Qualität meiner Handykamera und die Nichtexistenz einer Digitalkamera. Zu gern würde ich meine Spinnensituation mit einem Foto dokumentieren. Doch auch wenn ich eine geeignete Kamera besäße - es bleibt fraglich, ob ich mich nah genug heranwagte, meine lebendig gewordene Angst auch noch zu portraitieren.

Donnerstag, 10. März 2011

Die Dinge, wie sie bisher waren ODER viva la integración

Letzten Sonntag traf ich mich mit B., die mir von einer Reise, dem Wiedersehen mit einer weisen Frau und den Erkenntnissen und nötigen Veränderungen erzählte, die aus den beiden erstgenannten Dingen resultieren.

Sonntags Abends ist es nicht einfach, ein Plätzchen in S. zu finden, das weder zu voll noch zu leer ist und lang genug offen hat, um sich in Ruhe über alles auszutauschen, was in den letzten Monaten passiert ist. Nachdem wir im Hüftengold
nicht mehr erwünscht sind, weil das Team auch mal Feierabend braucht, ziehen wir um zum Wilhelmsplatz und reden weiter - über all die Veränderungen bei ihr und bei mir, von denen wir wissen, dass sie nötig sind. B. und ich sind uns einig, dass es anstrengend und beängstigend sein kann, den eigenen open issues ins Gesicht zu blicken und zu handeln. Wir tauschen Erfahrungen aus und sprechen uns gegenseitig Mut zu. Wir sitzen in schummrigem Licht und die zu laute Jazzmusik und die ratternde Kaffeemaschine zwingen uns dazu, mit kräftiger Stimme zu sprechen. Vielleicht ist das ganz gut, denn so kann man sich nicht hinter halbherzig Geflüstertem verstecken, sondern spricht laut und deutlich.

Die Dinge, wie sie bisher waren, sitzen mit uns am Tisch und hören zu. Sie sehen sich staunend an, als sie hören, was wir mit ihnen vorhaben. Sie tauschen ein siegesgewisses Lächeln, wenn ich zugebe, dass ich mir noch nicht so sicher bin, wie das Neue aussehen wird, das an ihre Stelle tritt. Man merkt den Dingen, wie sie bisher waren, an, dass sie sich darauf verlassen, dass ich sie noch ein Stück des Weges mit mir nehme.

In dem aktuellen Kinofilm "black swan"
spielt Natalie Portman die junge, extrem perfektionistische und kontrollierte Tänzerin Nina, die nach jahrelangem Kampf endlich ihre Traumrolle erhält: Sie tanzt die Schwanenkönigin in "Schwanensee". Dabei, so verlangt es ihr Choreograph, soll sie sowohl die helle, reine, strahlende Seite als auch die dunkle, düstere, glühende Seite des menschlichen Seins verkörpern. Sie, der Kontrollfreak, die immer gute Tocher, muss Hingabe, Spontanität und Begierde in ihren Tanz integrieren. Diese Integration ist schmerzhaft, laut und aggressiv. Dass es Nina gelingt, sie jedoch einen hohen Preis dafür bezahlt, zu lange damit gewartet zu haben, zeigt der Film.

Integration, das heißt wörtlich: Wiederherstellung eines Ganzen, Wiederherstellung einer Einheit. Wir können also nichts Fremdes integrieren, sondern nur etwas, das schon immer zusammen gehörte.

Das Gute an der Sache ist: Die Angst hat nur eine begrenzte Haltbarkeitsdauer. Haben wir mit der Veränderung angefangen, wird die Angst mit jedem Wort, das wir sagen, mit jeder Handlung, die wir vollbringen und mit jeder Sekunde, in der wir uns nicht verstecken, verleugnen oder verstellen, kleiner. So klein, dass wir uns später nicht einmal mehr an die Angst erinnern können, nur noch an die Befreiung. Daran halte ich mich fest, als ich durch die Kälte nach Hause gehe. Die Dinge, wie sie bisher waren, folgen mir in respektvollem Abstand.

Also, meine Freunde: Packt die Drinks auf den Tisch und lasst uns anstoßen - Viva la integración! Und schenkt den Dingen, wie sie bisher waren, ordentlich ein - sie werden es brauchen.

Dienstag, 1. März 2011

Oh wie klingt das schön!

Neulich saß ich in einem schönen Gebäude und lauschte nicht so schönem Kongressgerede. In innerer Abgrenzung dazu sammelte ich schöne Wörter:

flink
Taumel
Raupe
klickern
Augenblick
Feder
Schimmelchen
murmeln
Wolke
Getümmel.

Und wer mag, kann jetzt daraus eine Geschichte spinnen.

Montag, 28. Februar 2011

Haiku I

siehst du es:
stürmische zeiten, mein schatz.
komm - sei mein drachen.

Sonntag, 27. Februar 2011

Fieber

P. sitzt auf dem Sofa und wirft mir aus großen Fieberaugen einen scheuen Blick zu, als ich um die Ecke komme. Ich begrüße sie leise und mit ein bisschen Abstand. Ihre kleinen Hände liegen in ihrem Schoß. Ihr Atem ist flach und unregelmäßig und häufig seufzt sie beim Atmen leise auf. Ich setze mich neben sie.

Alles an ihr ist heiß, sogar ihr feines Haar fühlt sich so warm an, als ob es gerade erst geföhnt wurde. Ich spreche leise mit ihr und sie schaut mich ohne Reaktion aus ihren dunklen, braunen Augen an. Ich sehe, wie sehr es sie anstrengt, krank zu sein.

Nach einiger Zeit holt sie ihr Spiel. Noch immer hat sie kein Wort gesagt. Wir sortieren bunte Steinchen, legen sie auf die richtigen Felder und drehen die Kärtchen um, die uns sagen, ob wir alles richtig gemacht haben. Nur mit den Augen zeigt sie mir an, dass sie noch eine und noch eine und noch eine Runde spielen will. Unermüdlich sortieren wir Steinchen um Steinchen und lösen eine Aufgabe nach der anderen.

Ich drehe das letzte Kärtchen um. Sie seufzt und flüstert wie mit letzter Kraft: "Alles richtig. Super." Dann kommt sie zu mir in den Arm und mir steigen vor Glück Tränen in die Augen.

Samstag, 19. Februar 2011

8 Stunden oder ungefähr 30%

Teilt man einen Tag in drei Teile, könnte das so aussehen: 8 Stunden oder ungefähr 30% für die Arbeit, 8 Stunden oder ungefähr 30% für den Schlaf, 8 Stunden oder ungefähr 30% für den Rest.

So sagte das zumindest auch Robert Owen (1771-1858), ein walisischer Unternehmer und Sozialreformer.


150 Jahre später ist es common sense, dass sich die Bereiche überschneiden dürfen und sollen. Dabei rede ich jetzt nicht unbedingt davon, bei der Arbeit zu schlafen, sondern davon, 'recreational moments' durch sinnerfülltes Arbeiten zu erleben, statt im inneren Exil Zeit abzusitzen. Das Fass, was Arbeit ist und was sie sein sollte, wurde und wird zur Genüge von anderen aufgemacht und ist mir heute egal.

Statt dessen blättere ich in meinen alten Aufzeichnungen und stelle fest: In meinen frühen Tagebüchern (1992-1998) gab es keine Trennung zwischen einzelnen Lebensbereichen. Alles, aber auch wirklich ALLES drehte sich um meinen äußerst begrenzten, ausschließlich auf mich selbst bezogenen und immerhin im Rückblick wirklich lustigen Teenager-Kosmos. Die bevorzugten Themen waren die üblichen: Sehnsucht, Verwirrung, Größenwahn. Und natürlich Liebe - in rauher Menge, schnell empfunden und genauso schnell wieder vergessen.

Die Liebe blieb für einige weitere Jahre das Wichtigste in meinen erstaunlich regelmäßigen Notizen. Immer wieder meinte ich zu sterben, wenn sie unerwidert blieb. Und in der Tat: Sind nicht gerade die unglücklichen, unerfüllten Liebesgeschichten diejenigen, die uns noch lange glauben machen, dass wir mit dieser Geschichte unsere eine, große Hollywood-Liebe verpasst haben? Das Unerreichbare birgt stets die größte Verheißung.

Mit dem neuen Jahrtausend, so sagen es meine Journale, fand ich meine Liebe. Nicht in einem Mann, nicht in einer Frau. Ich empfing Liebreiz, Anmut und Gnade in mir zu Besuch und sah zu, wie das Leben mir das Zepter aus der Hand nahm und mir ein Geschenk schnürte.
Solche Geschenke geben sich nicht mit ungefähr 30% zufrieden. Sie überfluten Zeit und Räume. Einmal ausgepackt, stehen sie an einem besonderen Platz, an dem sich kein Staubkörnchen niederzulassen wagt. Unfassbar, unbegreiflich, ergreifend, erhebend und wunderschön.

Freitag, 18. Februar 2011

Kōan

Ein bekanntes buddhistisches Kōan fragt: Macht ein umstürzender Baum ein Geräusch, wenn niemand im Wald ist, der es hören könnte?

Ich habe heute meinen Tag damit verbracht, zuzuhören und zu sprechen, zu Belanglosem Augenbrauen und Schultern zu heben, Wesentliches zu benicken und zu unterstreichen, Anerkennung für Geleistetes auszusprechen und Mut zu machen angesichts echter, anscheinender oder scheinbarer Probleme. Ich habe Menschen angelächelt und einen oder zwei Bäuche gepinselt, Fragen gestellt und Ideen formuliert. Dazu trank ich aus Pappbechern Filterkaffee mit Kondensmilch.

Die Kōans lehren die Zen-Schüler die Nichtzweiheit. Sie erkennen durch die Kōan-Praxis, dass die Einzeldinge sich nicht unterscheiden und es kein Ich gibt, das sich von einer äußeren Realität getrennt denken ließe.

Mein Tag war nicht annähernd so erhebend wie das Nachdenken über ein Kōan.
Wenigstens aber kann ich sagen: Der Morgen ist der Abend und mein Ich ist nicht mehr da.

Donnerstag, 17. Februar 2011

la lavende

Es ist Winter und neben meinem Kopfkissen liegt ein rotes Lavendelsäckchen. Es ist aus hübschem, buntem Stoff, der fest genug ist, damit man das Kissen drücken und kneten kann. Sein Duft stäubt mich ein und macht den Winter lächerlich.

Lavendel vertreibt Unruhe und Angst und gehört schon lange zu den europäischen Heilkräutern. Die Konzentration des ätherischen Öls in der Lavendelblüte ist im Vergleich zu anderen Kräutern außergewöhnlich hoch. Der würzige, kräftige Duft gefällt nicht allen Näschen. Meins bekommt nicht genug davon.

Wie Lavendel schmecken die schönsten Küsse. Das zarteste Streicheln hat das gleiche blasse Lila wie die getrockneten Blüten. Mein erstes Lavendelkissen bekam ich als kleines Kind und erlebte staunend, wie ein Duft die Welt heil machen kann. In dem Wohlgeruch hörte ich Engel singen und sah eine große, goldene Mutter ein Buch halten, aus dem sie mich lehren sollte. In der Hängematte über dem Lavendelstrauch entblätterten sich Pläne für mein Leben, war ich Tänzerin, Forscherin, Geliebte und Liebende, der Atlas meiner eigenen Welt.

la lavende
la lavende
la lavende

Der Winter ist immer noch draußen vor meinem Fenster. Ich schulde ihm eine Dosis Lavendel.

Über mich

Mein Bild
Kammera schüttelt die Lavendelkissen über der Welt aus. Neben Blüten und Staub gibt es das ein oder andere Haiku, Gedankenversatzstücke, Rundes und Glitzerndes und was die Kammera sonst noch beherbergt und einfängt.