Montag, 28. Februar 2011

Haiku I

siehst du es:
stürmische zeiten, mein schatz.
komm - sei mein drachen.

Sonntag, 27. Februar 2011

Fieber

P. sitzt auf dem Sofa und wirft mir aus großen Fieberaugen einen scheuen Blick zu, als ich um die Ecke komme. Ich begrüße sie leise und mit ein bisschen Abstand. Ihre kleinen Hände liegen in ihrem Schoß. Ihr Atem ist flach und unregelmäßig und häufig seufzt sie beim Atmen leise auf. Ich setze mich neben sie.

Alles an ihr ist heiß, sogar ihr feines Haar fühlt sich so warm an, als ob es gerade erst geföhnt wurde. Ich spreche leise mit ihr und sie schaut mich ohne Reaktion aus ihren dunklen, braunen Augen an. Ich sehe, wie sehr es sie anstrengt, krank zu sein.

Nach einiger Zeit holt sie ihr Spiel. Noch immer hat sie kein Wort gesagt. Wir sortieren bunte Steinchen, legen sie auf die richtigen Felder und drehen die Kärtchen um, die uns sagen, ob wir alles richtig gemacht haben. Nur mit den Augen zeigt sie mir an, dass sie noch eine und noch eine und noch eine Runde spielen will. Unermüdlich sortieren wir Steinchen um Steinchen und lösen eine Aufgabe nach der anderen.

Ich drehe das letzte Kärtchen um. Sie seufzt und flüstert wie mit letzter Kraft: "Alles richtig. Super." Dann kommt sie zu mir in den Arm und mir steigen vor Glück Tränen in die Augen.

Samstag, 19. Februar 2011

8 Stunden oder ungefähr 30%

Teilt man einen Tag in drei Teile, könnte das so aussehen: 8 Stunden oder ungefähr 30% für die Arbeit, 8 Stunden oder ungefähr 30% für den Schlaf, 8 Stunden oder ungefähr 30% für den Rest.

So sagte das zumindest auch Robert Owen (1771-1858), ein walisischer Unternehmer und Sozialreformer.


150 Jahre später ist es common sense, dass sich die Bereiche überschneiden dürfen und sollen. Dabei rede ich jetzt nicht unbedingt davon, bei der Arbeit zu schlafen, sondern davon, 'recreational moments' durch sinnerfülltes Arbeiten zu erleben, statt im inneren Exil Zeit abzusitzen. Das Fass, was Arbeit ist und was sie sein sollte, wurde und wird zur Genüge von anderen aufgemacht und ist mir heute egal.

Statt dessen blättere ich in meinen alten Aufzeichnungen und stelle fest: In meinen frühen Tagebüchern (1992-1998) gab es keine Trennung zwischen einzelnen Lebensbereichen. Alles, aber auch wirklich ALLES drehte sich um meinen äußerst begrenzten, ausschließlich auf mich selbst bezogenen und immerhin im Rückblick wirklich lustigen Teenager-Kosmos. Die bevorzugten Themen waren die üblichen: Sehnsucht, Verwirrung, Größenwahn. Und natürlich Liebe - in rauher Menge, schnell empfunden und genauso schnell wieder vergessen.

Die Liebe blieb für einige weitere Jahre das Wichtigste in meinen erstaunlich regelmäßigen Notizen. Immer wieder meinte ich zu sterben, wenn sie unerwidert blieb. Und in der Tat: Sind nicht gerade die unglücklichen, unerfüllten Liebesgeschichten diejenigen, die uns noch lange glauben machen, dass wir mit dieser Geschichte unsere eine, große Hollywood-Liebe verpasst haben? Das Unerreichbare birgt stets die größte Verheißung.

Mit dem neuen Jahrtausend, so sagen es meine Journale, fand ich meine Liebe. Nicht in einem Mann, nicht in einer Frau. Ich empfing Liebreiz, Anmut und Gnade in mir zu Besuch und sah zu, wie das Leben mir das Zepter aus der Hand nahm und mir ein Geschenk schnürte.
Solche Geschenke geben sich nicht mit ungefähr 30% zufrieden. Sie überfluten Zeit und Räume. Einmal ausgepackt, stehen sie an einem besonderen Platz, an dem sich kein Staubkörnchen niederzulassen wagt. Unfassbar, unbegreiflich, ergreifend, erhebend und wunderschön.

Freitag, 18. Februar 2011

Kōan

Ein bekanntes buddhistisches Kōan fragt: Macht ein umstürzender Baum ein Geräusch, wenn niemand im Wald ist, der es hören könnte?

Ich habe heute meinen Tag damit verbracht, zuzuhören und zu sprechen, zu Belanglosem Augenbrauen und Schultern zu heben, Wesentliches zu benicken und zu unterstreichen, Anerkennung für Geleistetes auszusprechen und Mut zu machen angesichts echter, anscheinender oder scheinbarer Probleme. Ich habe Menschen angelächelt und einen oder zwei Bäuche gepinselt, Fragen gestellt und Ideen formuliert. Dazu trank ich aus Pappbechern Filterkaffee mit Kondensmilch.

Die Kōans lehren die Zen-Schüler die Nichtzweiheit. Sie erkennen durch die Kōan-Praxis, dass die Einzeldinge sich nicht unterscheiden und es kein Ich gibt, das sich von einer äußeren Realität getrennt denken ließe.

Mein Tag war nicht annähernd so erhebend wie das Nachdenken über ein Kōan.
Wenigstens aber kann ich sagen: Der Morgen ist der Abend und mein Ich ist nicht mehr da.

Donnerstag, 17. Februar 2011

la lavende

Es ist Winter und neben meinem Kopfkissen liegt ein rotes Lavendelsäckchen. Es ist aus hübschem, buntem Stoff, der fest genug ist, damit man das Kissen drücken und kneten kann. Sein Duft stäubt mich ein und macht den Winter lächerlich.

Lavendel vertreibt Unruhe und Angst und gehört schon lange zu den europäischen Heilkräutern. Die Konzentration des ätherischen Öls in der Lavendelblüte ist im Vergleich zu anderen Kräutern außergewöhnlich hoch. Der würzige, kräftige Duft gefällt nicht allen Näschen. Meins bekommt nicht genug davon.

Wie Lavendel schmecken die schönsten Küsse. Das zarteste Streicheln hat das gleiche blasse Lila wie die getrockneten Blüten. Mein erstes Lavendelkissen bekam ich als kleines Kind und erlebte staunend, wie ein Duft die Welt heil machen kann. In dem Wohlgeruch hörte ich Engel singen und sah eine große, goldene Mutter ein Buch halten, aus dem sie mich lehren sollte. In der Hängematte über dem Lavendelstrauch entblätterten sich Pläne für mein Leben, war ich Tänzerin, Forscherin, Geliebte und Liebende, der Atlas meiner eigenen Welt.

la lavende
la lavende
la lavende

Der Winter ist immer noch draußen vor meinem Fenster. Ich schulde ihm eine Dosis Lavendel.

Über mich

Mein Bild
Kammera schüttelt die Lavendelkissen über der Welt aus. Neben Blüten und Staub gibt es das ein oder andere Haiku, Gedankenversatzstücke, Rundes und Glitzerndes und was die Kammera sonst noch beherbergt und einfängt.