Donnerstag, 10. März 2011

Die Dinge, wie sie bisher waren ODER viva la integración

Letzten Sonntag traf ich mich mit B., die mir von einer Reise, dem Wiedersehen mit einer weisen Frau und den Erkenntnissen und nötigen Veränderungen erzählte, die aus den beiden erstgenannten Dingen resultieren.

Sonntags Abends ist es nicht einfach, ein Plätzchen in S. zu finden, das weder zu voll noch zu leer ist und lang genug offen hat, um sich in Ruhe über alles auszutauschen, was in den letzten Monaten passiert ist. Nachdem wir im Hüftengold
nicht mehr erwünscht sind, weil das Team auch mal Feierabend braucht, ziehen wir um zum Wilhelmsplatz und reden weiter - über all die Veränderungen bei ihr und bei mir, von denen wir wissen, dass sie nötig sind. B. und ich sind uns einig, dass es anstrengend und beängstigend sein kann, den eigenen open issues ins Gesicht zu blicken und zu handeln. Wir tauschen Erfahrungen aus und sprechen uns gegenseitig Mut zu. Wir sitzen in schummrigem Licht und die zu laute Jazzmusik und die ratternde Kaffeemaschine zwingen uns dazu, mit kräftiger Stimme zu sprechen. Vielleicht ist das ganz gut, denn so kann man sich nicht hinter halbherzig Geflüstertem verstecken, sondern spricht laut und deutlich.

Die Dinge, wie sie bisher waren, sitzen mit uns am Tisch und hören zu. Sie sehen sich staunend an, als sie hören, was wir mit ihnen vorhaben. Sie tauschen ein siegesgewisses Lächeln, wenn ich zugebe, dass ich mir noch nicht so sicher bin, wie das Neue aussehen wird, das an ihre Stelle tritt. Man merkt den Dingen, wie sie bisher waren, an, dass sie sich darauf verlassen, dass ich sie noch ein Stück des Weges mit mir nehme.

In dem aktuellen Kinofilm "black swan"
spielt Natalie Portman die junge, extrem perfektionistische und kontrollierte Tänzerin Nina, die nach jahrelangem Kampf endlich ihre Traumrolle erhält: Sie tanzt die Schwanenkönigin in "Schwanensee". Dabei, so verlangt es ihr Choreograph, soll sie sowohl die helle, reine, strahlende Seite als auch die dunkle, düstere, glühende Seite des menschlichen Seins verkörpern. Sie, der Kontrollfreak, die immer gute Tocher, muss Hingabe, Spontanität und Begierde in ihren Tanz integrieren. Diese Integration ist schmerzhaft, laut und aggressiv. Dass es Nina gelingt, sie jedoch einen hohen Preis dafür bezahlt, zu lange damit gewartet zu haben, zeigt der Film.

Integration, das heißt wörtlich: Wiederherstellung eines Ganzen, Wiederherstellung einer Einheit. Wir können also nichts Fremdes integrieren, sondern nur etwas, das schon immer zusammen gehörte.

Das Gute an der Sache ist: Die Angst hat nur eine begrenzte Haltbarkeitsdauer. Haben wir mit der Veränderung angefangen, wird die Angst mit jedem Wort, das wir sagen, mit jeder Handlung, die wir vollbringen und mit jeder Sekunde, in der wir uns nicht verstecken, verleugnen oder verstellen, kleiner. So klein, dass wir uns später nicht einmal mehr an die Angst erinnern können, nur noch an die Befreiung. Daran halte ich mich fest, als ich durch die Kälte nach Hause gehe. Die Dinge, wie sie bisher waren, folgen mir in respektvollem Abstand.

Also, meine Freunde: Packt die Drinks auf den Tisch und lasst uns anstoßen - Viva la integración! Und schenkt den Dingen, wie sie bisher waren, ordentlich ein - sie werden es brauchen.

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Kammera schüttelt die Lavendelkissen über der Welt aus. Neben Blüten und Staub gibt es das ein oder andere Haiku, Gedankenversatzstücke, Rundes und Glitzerndes und was die Kammera sonst noch beherbergt und einfängt.