Freitag, 9. Dezember 2011

Hat hier vielleicht einer nen Radiergummi?

In der Theorie klingt es einleuchtend und simpel: Wir alle sind darauf angewiesen, unsere Wahrnehmungen in Kategorien einzuordnen, damit wir uns in unserer komplexen Welt zurechtfinden. Wir gleichen das, was uns begegnet, mit dem ab, was wir schon kennen. Wir versuchen, Ähnlichkeiten herzustellen und Bekanntes wiederzuerkennen. Wir unterscheiden Bekanntes vom Unbekannten und versuchen, ein Etikett auf das Unbekannte draufzukleben, um es uns vertrauter zu machen. So funktioniert unser gewohntes Denken und selbstverständlich tun wir das nicht nur mit Dingen, sondern auch mit Menschen.
Meistens handelt es sich bei unseren mentalen Etiketten um Stereotype. Ein Stereotyp bringt die wichtigsten Merkmale auf den Punkt. Das geht nur sehr vereinfacht, hat aber dafür einen hohen Wiedererkennungswert. Beispiele für stereotype Vorstellungen sind:

"Frauen sind sensibler als Männer."
"Künstler sind Einzelgänger."
"Afrikaner leben nicht nach der Uhr."
"Franzosen sind Gourmets."

Ein Stereotyp ist für sich genommen erst einmal weder positiv noch negativ beladen, sondern bietet uns eine Vorannahme an, die uns vielleicht hilft, etwas besser zu verstehen.
Doch in den meisten Fällen bleiben wir nicht beim neutralen Stereotyp stehen, sondern bewerten ihn und bilden uns ein Urteil über ihn - positiv oder negativ. Das funktioniert ganz unbewusst und rasend schnell und auch das können wir nicht einfach abstellen.

Gefährlich wird das Ganze dann, wenn wir unsere negativen Vorstellungen auf die einzelnen, echten, lebendigen Menschen übertragen, auf die wir treffen. Dann begegnen wir dem Anderen mit Vorurteilen und kleben ihm ein Etikett auf die Stirn, das er selbst kaum wieder abziehen kann.

Das klingt dann zum Beispiel so:
"Klar heult die sofort wieder los. Da sieht man mal wieder: Frauen sind sensibler als Männer."
"Kann der mich eigentlich nie grüßen? Da sieht man mal wieder: Künstler sind Einzelgänger."
"War ja klar, dass die zu spät kommen. Da sieht man mal wieder: Afrikaner leben nicht nach der Uhr."
"Was macht die so ein Gesicht? Der schmeckts hier wohl nicht. Da sieht man mal wieder: Franzosen sind Gourmets."

Dass wir Dinge und Menschen etikettieren, das können wir nicht vermeiden. Doch wir können entscheiden, ob wir das Etikett mit einem permanent marker beschriften, dessen Schrift nie mehr abgeht, oder ob wir unseren mentalen Bleistift zücken.

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Kammera schüttelt die Lavendelkissen über der Welt aus. Neben Blüten und Staub gibt es das ein oder andere Haiku, Gedankenversatzstücke, Rundes und Glitzerndes und was die Kammera sonst noch beherbergt und einfängt.